Lob der Autorenlesungen in der Slowakei
Ich habe eine Theorie, warum Autorenlesungen in der Slowakei, aber auch im benachbarten Tschechien, so ein Mauerblümchendasein fristen. Das Problem hängt meiner Meinung nach mit der vierzigjährigen Periode des so genannten Kommunismus zusammen, als ein großer Teil der Dissidenten eben Schriftsteller waren.
Kaum, dass sich mehr als fünf Autoren trafen, war das für das Regime höchst verdächtig. Es reichte manchmal sogar, dass sich im Café oder auf der Straße zwei von ihnen unterhielten, und schon mussten sie von der Geheimpolizei beschattet, abgehört und gefilmt werden. Von den Fünfzigerjahren bis zu den Achtzigern des letzten Jahrhunderts waren viele führende Persönlichkeiten der Opposition in der Tschechoslowakei Literaten: Václav Havel, Egon Bondy, Ludvík Vaculík, Pavel Kohout, Eva Kantùrková, Dominik Tatarka, Ivan Kadleèík, Hana Ponická und viele andere. Ganz zu schweigen von den katholischen oder protestantischen literarischen Dissidenten - die waren der Obrigkeit von jeher noch viel suspekter.
Eine Lesung ist ja eigentlich eine freiwillige Zusammenkunft von Menschen, die sich etwas aus dem Schaffen eines Schriftstellers oder dessen Meinung anhören wollen. In der Zeit des Kommunismus durfte also eine solche Betätigung definitiv nicht frei ausgeübt werden. (Propagandistische Versammlungen mit Literatur gab es auch zu jener Zeit zuhauf, zum Beispiel in Betrieben, in Schulen oder bei Arbeitseinsätzen von Studenten, aber ich möchte an dieser Stelle nicht näher darauf eingehen, denn sie gehören viel mehr in den Bereich der Ideologie als in den der Kunst.)
Dabei begründete gerade die Gruppe von tschechischen und slowakischen oppositionellen Schriftstellern in den Siebzigerjahren eine starke Tradition literarischer Lesungen, die allerdings lediglich als inoffizielle, rein private Treffen fungierten, auf denen die Veröffentlichung von verbotener Literatur in Handarbeit, so genannten Samizdats, vorbereitet oder aus neuen Manuskripten gelesen wurde.
Lesungen gingen in der Slowakei also aus bescheidenen Verhältnissen hervor - und in denen sind sie in hohem Maße bis heute gefangen, wenngleich, zum Glück, mittlerweile in einer völlig anderen gesellschaftlichen Situation. Warum ist nun der Stand der Dinge auch weiterhin so unbefriedigend?
Ironisch sage ich es oft so: Falls ich in meiner Heimatstadt Bratislava oder irgendwo anders in der Slowakei öffentlich lesen will, dann muss ich mir die Veranstaltung auch gleich selbst organisieren, muss Verstärker, Mikrofone und Lampen mit eigenen Händen heranschleppen, muss mich allein um die Werbung kümmern und last but not least - aber das ist schließlich das Angenehmste - auch noch selbst lesen.
Es gibt meiner Meinung nach vier Hauptursachen dafür, dass es bei uns so schlecht um literarische Lesungen und Diskussionen bestellt ist:
(1) In der Slowakei fehlt spürbar eine Institution, die mit den deutschen Literaturhäusern vergleichbar wäre. So etwas gibt es in meiner Heimat nicht in großen Städten wie Ko¹ice, Banská Bystrica oder ®ilina und nicht einmal in der Hauptstadt Bratislava. (Im benachbarten Österreich zum Beispiel, das von seiner Größe her mit der Slowakei vergleichbar ist, hat jedes Bundesland sein eigenes Literaturhaus.)
(2) Für Lesungen gibt es kein Honorar. Natürlich, werden Sie sagen, kann es doch nicht an fehlenden finanziellen Mitteln scheitern, dass Autoren kostenlos, aber frei ihre Werke präsentieren, wo und wann auch immer es ihnen beliebt. Sicher, das stimmt, und ich selbst könnte stundenlang von absolvierten nicht honorierten Veranstaltungen erzählen. Aber alles hat seine Grenzen.
Stellen Sie sich einmal vor, dass Sie 450 Kilometer mit dem Zug irgendwo hinfahren sollen, dreimal umsteigen müssen und dabei die Kosten für Fahrt und Unterkunft aus eigener Tasche zahlen. Sie vertun de facto zwei Tage - und vor Ort erfahren Sie, dass die Werbung von Seiten der "Organisatoren" gleich null war, sodass sich im besten Fall neun mehr oder weniger zufällige Besucher einfinden.
Außerdem kann es sich nur ein sehr enger Kreis von Autoren leisten, bei der Bekanntmachung der eigenen literarischen Werke dermaßen ins Minus zu gehen. Ein großer Fehler ist es deshalb auch, dass für Lesungen praktisch nirgends Eintritt verlangt wird! In der slowakischen Kultur ist das eine lange unglückliche Tradition, ein Überbleibsel aus der Zeit des Kommunismus, als die Menschen den irrigen Eindruck bekommen mussten, dass es Kunst für alle und umsonst gibt, und Künstler (ausgenommen die vom Regime privilegierten) enorm unter Wert gehandelt wurden.
Ich verstehe Lesungen als eigenständiges künstlerisches Genre im Grenzbereich von Literatur und Theater, als spezifische öffentliche Art des Kommunizierens von Prosa oder Poesie, wofür jeder, der so etwas professionell ausübt, eine angemessene Entlohnung verdient, abhängig von Veranstaltungsort, Besucherzahl und ökonomischen Gegebenheiten.
Doch ich will nicht ungerecht sein: So habe auch ich schon ein paarmal für eine öffentliche Lesung ein Honorar zwischen fünfhundert und tausend slowakischen Kronen gezahlt bekommen, sprich: dreizehn beziehungsweise vierundzwanzig Euro. Ein Bombengeschäft! (Die nicht Ortskundigen möchte ich darauf hinweisen, dass die Slowakei nun auch wieder nicht so billig ist, wie das manchmal deutsche Touristen erzählen, nachdem sie sich bei einem Tagesausflug nach "Gratislava" in einem Restaurant ein unwahrscheinlich günstiges Schnitzel gegönnt haben.)
(3) Die öffentlich-rechtlichen Medien räumen der slowakischen Gegenwartsliteratur nur minimalen Raum ein. Das Bewerben von Lesungen ist in der gegebenen Situation sehr kompliziert, kostspielig und organisatorisch viel zu schwierig. Von den privaten Medien werden Lesungen so gut wie ignoriert oder sie widmen kulturellen Nischen nur äußerst wenig Aufmerksamkeit. Die Öffentlichkeit erfährt oft nicht einmal etwas von Besuchen literarischer Stars erster Güte, weil für sie nicht genug Werbung gemacht wurde.
(4) In der Gesellschaft ist die Ansicht vorherrschend, dass - vereinfacht gesagt - Lesungen schließlich keine Kunst seien, dass das wirklich jeder könne, wenn er nur will, und deshalb gebe es keinen Grund etwas derartiges zu organisieren, zu besuchen und dafür dann etwa noch zu bezahlen. Daraus resultiert das Misstrauen, ja die Angst auf Seiten der Buchhändler, der Leiter von Bibliotheken und anderen Institutionen, dass sie mit der Ausrichtung solcher Veranstaltungen nur ihre Zeit und die spärlichen finanziellen Mittel verschwenden.
Ich habe oft erlebt, wie ein skeptischer Buchhändler zwar eine Lesung in seinem Geschäft erlaubt oder unterstützt hat, doch wurden Autor und Moderator in der hintersten Ecke platziert, wo sie weder zu sehen noch zu hören waren, während die Radiomusik aus den Lautsprechern und das Klingeln der Registrierkasse die Akustik des Raumes dominierten.
Andererseits muss ich einräumen, dass auch deutliche Kritik an Literatenkollegen aus den eigenen Reihen am Platze ist.
Vor allem ist da die schon lange Zeit zu beobachtende Unlust und oft auch Unfähigkeit vieler Schriftsteller, selber laut vorzulesen. Generell ist es nicht üblich, das eigene Werk auf dem immer härter umkämpften Literaturmarkt zu propagieren. Kein einziger Autor der älteren Generation war in der Vergangenheit gezwungen, darüber nachzudenken, wie viele Exemplare seines Buchs Absatz finden würden.
Auch heute noch hauen einem viele in snobistischer Manier um die Ohren, dass es ihnen genüge, fünfzig Stück zu verkaufen, Hauptsache, es ist so genannte "hohe Kunst". Im konservativeren Teil der Literatengemeinde überwiegt die bizarre Ansicht, sich um die Propagierung des eigenen neuen Buchs zu kümmern - etwa in Form einer Lesereise - sei ein Zeichen von "Kommerzialität" des Autors oder sogar eine "Anbiederung" ans Publikum.
Eine Rolle spielt hier die Tatsache, dass in der Vergangenheit in der Tschechoslowakei Lesungen ausschließlich als ein Genre aufgefasst wurden, das professionellen Schauspielern vorbehalten ist. Auch in mir tauchen gruselige Bilder aus meiner Kindheit auf: Erinnerungen an Schauspielerzombies, die in steifen Anzügen, vor scheußlichen Tapeten, mit ein paar Fichtenzweigen auf dem Tisch und einer brennenden Kerze im Vordergrund pathetisch aus den Klassikern des 19. Jahrhunderts oder aus krankhaften Ausgeburten irgendeines sozialistischen Realisten deklamierten.
Eine Teilschuld trägt ebenfalls das Fehlen von Rhetorik-Unterricht an den Schulen und jeglicher Beratung für potenzielle Adepten öffentlicher Lesungen.
Als negativ erachte ich zudem den anhaltenden Kult um erfolgreiche Verleger auf Kosten der Autoren. Oft passiert es, dass nach einer literarischen Veranstaltung auf den Fotos in der Zeitung im Vordergrund riesig der Verleger zu sehen ist, und irgendwo in der Ecke unter seiner Achsel schaut der kleine Kopf eines verschreckten Schriftstellers hervor. Sogar die slowakische Autorin mit den besten Verkaufszahlen, die Bestseller der Frauenliteratur schreibt, bleibt in der Öffentlichkeit im Prinzip ein unbekanntes Gesicht - dafür ist ihre Verlegerin längst ein Medienstar.
Auch wenn ich mich kritisch gegenüber der stagnierenden Situation in der slowakischen literarischen Szene äußere, wo es nur geht, bemühe ich mich doch, gegen den Mythos anzugehen, dass in meinem Land immer weniger Bücher gelesen werden und literarische Veranstaltungen gar nicht stattfinden. Ich habe den Eindruck, dass das ständige Klagen über undankbare Leser, die die grandiosen Werte nicht begreifen, die sich in vielen ignorierten Werken verbergen, die Situation nur noch verschlimmert. Auch das ständige Vergleichen der unglaublich niedrigen Buchpreise vor 1989 mit dem katastrophalen Heute ist nicht angebracht.
Die jedes Jahr im November stattfindende Bratislavaer Buchmesse "Bibliotéka" bestätigt, dass im Verhältnis zur Einwohnerzahl sehr viele neue Titel herausgegeben werden und dass auf dem Markt ein gesunder Konkurrenzkampf herrscht. Natürlich wird unsere Buchproduktion im Großen und Ganzen von Übersetzungen dominiert, die die Aufmerksamkeit des Publikums viel stärker auf sich ziehen als slowakischsprachige Werke. Doch wann war es jemals anders?
Letztes Jahr habe ich an den Ständen mehrerer größerer Verlage das Bemühen registriert, sich stärker als in der Vergangenheit auf einheimische Autoren zu orientieren. Nach dem EU-Beitritt haben die Literaturagenten nun inzwischen aufgehört, uns wie arme Verwandte aus den östlichen Provinzen zu behandeln. Deshalb wäre es für Verlage viel günstiger, Bestseller zum Beispiel in Trenèín zu kaufen statt in New York. Von Jahr zu Jahr steigt bei der Messe auch die Zahl von Begleitveranstaltungen mit slowakischen Schriftstellern, insbesondere von Lesungen.
Es stimmt allerdings, dass das Herausgeben von Büchern für einen Miniaturmarkt (mit fünf Millionen potenziellen Lesern, einschließlich Säuglinge und Geriatrie-Patienten) bedeutet, sich wohl oder übel inmitten von allerlei Zwergenaufständen und allgegenwärtigem Hass und Neid wieder zu finden. Der Verleger wird einem zum Beispiel schon im Voraus sagen, in welcher Zeitschrift was für eine Rezension erscheint, oder wer einem zum Werk welche Ansicht mitteilt, obwohl die Bücher gerade noch in der Druckerei liegen und auf die Distribution in die Buchhandlungen warten. Alles ist derartig vorhersagbar und wiederholt sich immer und immer wieder. Doch gleichzeitig ist es amüsant sich zu vergegenwärtigen, dass das nach gewisser Zeit an jeder Stelle des Erdballs genau das Gleiche ist, auch in viel größeren Ländern und Metropolen.
Ein Lob der slowakischen Lesung wäre nicht komplett ohne eine Liste von Veranstaltern und Lesungsorten:
In Bratislava werden momentan mit wechselndem Erfolg von den großen Buchhandlungen Panta Rhei, Dom knihy (Haus des Buches) und Artforum regelmäßig Lesungen organisiert, wobei zuletzt genannte das auch in ihren Filialen in weiteren fünf größeren slowakischen Städten versucht.
Eine deutliche Belebung der schläfrigen Atmosphäre brachte das internationale Poesiefestival Ars Poetika, dass jedes Jahr im November in Bratislava stattfindet. Organisatoren sind die Dichter Peter ©ulej und Martin Solotruk, eine Gruppe um die Zeitschrift Vlna (Welle) und den kleinen unabhängigen Verlag Drewo a srd. Bei der Veranstaltung stellen sich die bedeutendsten slowakischen Poeten und Poetinnen und zudem renommierte Gäste sowohl aus benachbarten als auch weiter entfernten Ländern vor.
Übrigens: Denen, die unglücklich darüber Tränen vergießen, dass Poesie heutzutage in der Slowakei niemanden mehr interessiert, empfehle ich, sich einmal slowakischen Hip-Hop anschauen zu gehen, der besonders in der Bratislavaer Satellitenstadt Petr¾alka am rechten Donauufer große Erfolge feiert. Tausende von jungen Leuten geben sich dort Reimen und Metren hin, Zuschuss-Kommissionen in Brüssel werden dadurch nicht belastet und den einheimischen Steuerzahler kostet das keine einzige Krone. Klar, manchmal ist das echt Hardcore und die Brutalität der Ausdrucksweise könnte bei manch einem einen Kulturschock auslösen. Allerdings wurde Dylan Thomas einst auch vor allem als vulgärer Alkoholiker gesehen - und wo ist er heute! Erwähnenswert in diesem Kontext sind insbesondere die jungen Renegaten der slowakischen Literatur und Musik namens Èistychov und Vec.
Zu einer bemerkenswerten Stellung gelangte der auf ein großes Echo stoßende Literarische Zirkus von Koloman Bagala aus dem Verlag LCA, einem agilen Propagator slowakischer Literatur. Dabei geht es um eine Reihe von Lesungen und Musiknummern in einem kleinen Zirkuszelt, das oft an Orten steht, wo im Sommer große Musikfestivals stattfinden, wie zum Beispiel Pohoda in Trenèín oder Hodokvas in Modra. Die Veranstaltungen in diesem unkonventionellen Kontext bringen aktuelle slowakische Prosa und Poesie zu einem Publikum, das damit unter normalen Umständen nur schwerlich in Kontakt gekommen wäre.
Eine intimere Form, eine traditionellere Ausrichtung, aber ein hohes künstlerisches Niveau hat das internationale Sommerfestival für Literatur, Theater und Musik Cap a l'Est (Der Weg nach Osten) in der historischen Stadt Banská ©tiavnica, das vor allem auf den französischen Kulturkreis orientiert ist. Graue Eminenz dieses Festivals ist der legendäre surrealistische Dichter, Übersetzer und Pataphysiker Albert Marenèin.
Eine bedeutende Rolle im literarischen Leben von Bratislava spielt auch das deutsche Goethe-Institut. Die letzten beiden Direktoren waren Literaturveranstaltungen außerordentlich gewogen: Manfred Heid als langjähriger Kenner und Organisator und der derzeitige Direktor Stefan Wackwicz als schreibender und erfolgreich publizierender Autor. Die Gäste, Spitzenvertreter der aktuellen deutschen Literatur wie Ingo Schulze, Tanja Dückers, Thomas Lehr, Dagmar Leupold und viele andere konnten sich davon überzeugen, dass es in der Stadt, die einst auch Pressburg hieß, immer noch ein zahlreiches Publikum gibt, das deutsche Prosa oder Poesie gern im Original hört. Ähnliche Aktivitäten entfalten in ihren Interessenssphären das Institut Français, das Österreichische Kulturforum und sporadisch auch das Russische Kulturinstitut.
Eine spezifische Position nimmt das Literárne informaèné centrum, das Literarische Informationszentrum ein, das noch in nicht allzu ferner Vergangenheit, zu Zeiten des Regierungschefs Vladimír Meèiar, eine sehr kontroverse Organisation war. Heute bemüht sich diese vom Staat eingerichtete und finanzierte Institution nachdrücklich darum, sich zu reformieren; sie organisiert Literaturveranstaltungen, unterstützt Übersetzungen slowakischer Literatur in andere Sprachen und kümmert sich auch um die Betreuung bescheidener slowakischer Stände auf internationalen Buchmessen.
Fazit: Immer mehr Autoren lesen an einer immer größeren Zahl von Orten, die Tendenz ist also positiv. Manchmal habe ich das Gefühl, dass das, was der slowakischen Literaturszene am meisten fehlt, die Fähigkeit ist, einander zu loben oder sich zumindest halbwegs normal als Mensch zu respektieren. Ich mag es manchmal kaum glauben, wie viel Hass sich bei uns in der Buchbranche verbreiten kann, so als würde es nicht nur um weiße Seiten mit schwarzen Buchstaben gehen, sondern um Angelegenheiten auf Leben und Tod, auf denen der gesamte Kosmos ruht.
Es ist höchste Zeit damit zu beginnen, das literarische Leben in der Slowakei zu loben, denn wie sagt schon das alte mitteleuropäische Sprichwort: Wer soll uns bloß loben, wenn wir das nicht selbst tun?
Übersetzung: Mirko Kraetsch


