Café Europa
Ein berüchtigter Stand auf der Leipziger Buchmesse
Café Europa: Ein berüchtigter Stand der Leipziger Buchmesse, ideal für Besucher, die sich vom anspruchsvollen Programm ausruhen wollen. Es ist einer der wenigen Orte der Stille im hektischen Betrieb, denn die Mehrheit der geplanten Veranstaltungen findet aus unterschiedlichen Gründen nicht statt.
Manchmal versucht zwar ein eingeladener Autor etwas zu sagen, ein Gedicht oder einen Essay vorzulesen, weil die Mikrofone aber sowieso nicht funktionieren, werden die Besucher nicht beim Einschlafen gestört. Die leisen Stimmen vermischen sich mit Geräuschen der Messe und nach einer Weile wird es ganz still.
Manch einen verwirrt der Name, denn Café Europa lässt ihn glauben, hier befände sich ein europäisches Kaffeehaus. In der Luft liegt aber nicht der Duft frisch gemahlener Bohnen, sondern der scharfe Geruch des Nachbarstandes - der größten Toilette der Halle.
Ab und zu tauchen am Stand verdächtig gut angezogene Leute auf, die den Besucher aber nicht beunruhigen sollten. Dabei kann es sich nur um den Botschafter eines osteuropäischen Miniaturstaates wie Tschecho-Slowenien oder Molwanien in Begleitung seiner Entourage handeln. Ihre Anwesenheit soll den Eindruck vermitteln, die Veranstaltung sei doch gut besucht. Bei dieser seltenen Gelegenheit wird natürlich heftig fotografiert und die Besucher werden gebeten, kurz ihre müden Augen zu öffnen um in die Statistik des jeweiligen Landes als Unterstützer der Nationalkultur eingehen zu können. Pro Tag eine gute Tat.
Als Belohnung wartet vermutlich ein stark alkoholisches Getränk von seltsamer Farbe und Geruch, das in meisten Ländern der Welt illegal wäre. Kurz darauf folgt die Duz-Freundschaft mit dem Botschafter.
Besonders lohnt es sich den Stand aufzusuchen, wenn eine Lesung slowakischer Autoren auf dem Programm steht. Bisher sind sie noch alle ausgefallen. Die dafür Verantwortlichen sitzen wahrscheinlich in den Nachbarstaaten. Beweise für diese und ähnliche Verschwörungstheorien werden aber immer noch verzweifelt gesucht.
Eine 100-prozentige Ruhe-Garantie kann trotz allem nicht gewährleistet werden. Es ist möglich, dass sich Vertreter von Kulturministerien und politischer Stiftungen wegen des Besuchermangels in die Haare kriegen. Diese Kräche enden meistens damit, dass sich die Slowaken selbst die Schuld aufladen. Sie lieben die Opferrolle einfach zu sehr.
Immer mal wieder arbeiten sich tatsächlich unaufhaltsame AutorInnen mit unaussprechlichen Nachnahmen wie Eszteterezhaazy, Wiritikowski, Togarukuczszuck alebo Howohovrecztky zur Bühne vor - kein Grund zur Panik, sie werden nicht lange bleiben. In der Regel murmeln sie schüchtern die Worte Identität, Vision, Utopie, schlechte Übersetzung, moralische Krise, Demokratie, neurotisches Mitteleuropa ins Mikro und verschwinden so unauffällig wie sie gekommen sind.
Café Europa hat einfach einen ganz eigenen Charme und es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis er der beliebteste Stand auf der Leipziger Buchmesse ist. Versuchen sie's: Sollten Sie ihn finden, wofür allein ihr Orientierungssinn eine Auszeichnung verdient hätte, werden sie verstehen warum.
Aus dem Slowakischen vom Autor und Isabell Hoffmann


