Logo

Beatnik aus Böhmen

Tschechischer Schriftsteller und Philosoph Egon Bondy am 9. April 2007 in Bratislava gestorben

Drei Generationen von tschechischen und slowakischen Lesern haben am Montag ihren Kultautor Egon Bondy verloren, der als Zbynìk Fi¹er 1930 in Prag geboren wurde. Der Sohn eines Generales der tschechoslowakischen Armee wuchs zwar ohne Mutter auf, dafür aber in einer privilegierten Familie und im Wohlstand. Nach dem kommunistischen Putsch 1948 bekam er schnell die Absurditäten des realsozialistischen Alltags am eigenen Leib zu spüren: Sein Vater wurde degradiert und enteignet.

Seine ersten Gedichte schrieb er auf Deutsch, das er, wie viele Prager damals, perfekt beherrschte. Seine Übersetzung von Morgensterns Galgenliedern ins Tschechische gilt bis heute als die beste. Schon als 16-jähriger wurde er Mitglied der berühmten Surrealistischen Gruppe und überzeugter Marxist. Sein Leben lang blieb er ein linker Intellektueller, ohne sich aber je vom kommunistischen System blenden zu lassen.

Er hörte nie auf gegen die gewalttätige Machtübernahme der Partei zu protestierten und landete am Rande der Gesellschaft. Da er die Arbeitspflicht ablehnte, schmuggelte er, um überleben zu können, Waren für den Schwarzmarkt in Wien, wo er mehrmals von Geheimdiensten verhaftet wurde.

Zu Zeiten, da der "sozialistische Realismus" auch in der Tschechoslowakei als einzig wahre Kulturlinie galt, schuf Bondy ein Pendant im "totalen Realismus": eine radikale neue, satirische dichterische Form, in der er Propagandaliteratur verspottete. Aus Protest gegen den Antisemitismus der Parteiführung änderte Fi¹er seinen Namen in Egon Bondy und veröffentlichte zusammen mit seiner Geliebten Jana Krejcarová, der Tochter der Kafka-Vertrauten Milena Jesenská, den Gedichtalmanach "Die Jüdischen Namen".

Bis zur Sanften Revolution von 1989 war Bondys umfangreiches dichterisches Werk nur als Typoskript-Samizdat im Umlauf und die Auflagen bewegten sich meist in einer Höhe von dreißig Exemplaren.

In den 60ern startete er eine schnelle akademische Karriere als Philosoph, in der Zeit des Prager Frühlings konnte er sogar drei Bücher veröffentlichen, vor allem Werke zu Fragen der Ontologie und eine bedeutende Buddha-Monographie.

Nach 1968 wurde Bondy zum scharfsinnigen Beobachter der Ereignisse rund um die sowjetische Invasion seines Heimatlandes und der Konflikt zwischen dem freien schöpferischen Geist und dem totalitären Regime verschärfte sich. Rund um ihn entstand der Prager Underground, die kulturelle Parallelgesellschaft in der "normalisierten", das heißt den Sowjets angepassten, Tschechoslowakei.

Die psychedelische Rockgruppe The Plastic People of the Universe vertonte viele seiner Gedichte. Sie konnten aber nur auf geheimen, kurzfristig angekündigten Konzerten spielen, denn die Polizei durfte nichts davon erfahren. Die Musiker der PPU, große Fans von The Velvet Underground, wurden unterstützt von New Yorker Musikgrößen wie Patti Smith und Lou Reed. Den Albumklassiker "Egon Bondy's Happy Hearts Club Banned" musste die Band in England aufnehmen, denn ihre Musik blieb in der Tschechoslowakei verboten. 1976 wurden die PPU Mitglieder dennoch verhaftet, was eine Welle der Empörung hervorrief und zu einem weiteren Anlass wurde, der die Bürgerrechtsbewegung Charta 77 auslöste.

Bondys Name steht aber nicht auf der Liste der Erstunterzeichner der Charta-Petition. Nach langjährigem Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie Polizeischikane war er am Ende seiner Kräfte. Er verlor seine Stellung als politische Autorität der Opposition, einen Platz, den bald sein Kollege Václav Havel einnehmen sollte. Er verlor aber nie seine künstlerische Kraft und seinen Kultstatus in der Underground-Generation, der auch der Schriftsteller Jáchym Topol angehörte.

Bondy ist heute ein Mythos, eine Prager Legende. Nicht zuletzt, weil sein langjähriger Freund Bohumil Hrabal ihn zur Hauptfigur mehrerer Romane machte, vor allem in dem 1992 bei Suhrkamp erschienenen Buch "Sanfte Barbaren". Hrabal hatte mit Bondy Erfolg. Während der Mensch Bondy Opfer ständiger Polizeiverfolgung war und in Medien nur als Idealbeispiel des Klassenfeindes mit langen Haaren und Bart gezeigt wurde, wurde die Figur Bondy vom Regisseur Jiri Menzel verfilmt und ein Kassenschlager in den Kinos.

Zeit seines Lebens schrieb er eine sechsbändige Geschichte der Philosophie und zahlreiche Romane voller düsterer totalitärer Fantasiewelten, schwarzen Humors, Absurdität, Satire und politischer Linksradikalität, die sich deutlich von der traditionellen Literatur abheben. Nach der Wende konnte Bondy zum ersten Mal in die USA reisen und traf dort Allen Ginsberg, der ihn seinen Geistesbruder nannte. Ihn erinnere die Poetik des tschechischen literarischen Undergrounds an die Werke der amerikanischen Beatniks.

1993 übersiedelte Bondy aus Protest gegen die neue politische Richtung Tschechiens und die Kommerzialisierung Prags nach Bratislava, wo ich ihn vor elf Jahren kennen lernte, den Maoisten in der sozialistischen Tschechoslowakei, den Kommunisten in der Zeit der Begeisterung für den Turbo-Kapitalismus.

Mit typischer Selbstironie hat Egon Bondy den eigenen Tod mehrmals künstlerisch dargestellt, vor allem in dem wunderbaren utopischen Roman "Die invaliden Geschwister" (Deutsch: Elfenbein Verlag, 2000). In dieser Zukunftsvision liegt Böhmen wie in Shakespeares "Sturm" am Meer, doch auch 600 Jahre später ist die Hauptfigur, der Schriftsteller B., immer noch nicht in der Gesellschaft angekommen, er bezieht eine kleine Invalidenrente, lebt frei und träumt von der Beerdigung mit einem PPU-Konzert und einer rauschenden Orgie.

Jetzt ist er, zur Trauer vieler seiner Freunde und Anhänger, dieser Träumerei näher denn je. Egon Bondy ist am 9. April in Bratislava gestorben. Er blieb bis zuletzt ein literarischer Geheimtipp.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. 4. 2007

  © 2006 Michal Hvorecky. Alle Rechte vorbehalten. Design by Mikina Dimunova. Powered by howgh!